Das Ende eines erfolgreichen Projektes

21.08.2018

Von Heiko Kaiser (Haller Kreisblatt)

 

Ravensberger Jugendbildugnshaus Mit ihrem Beschluss, Produktionsschulen zu schließen, lässt die schwarz-gelbe Landesregierung die 19- und 25-Jährigen im Regen stehen. Dabei ist der Bedarf riesig

 

 


„Das ist so, als wenn man in einem Buch immer wieder die gleiche Seite liest.“ Es klingt beinahe philosophisch, wenn Marcel Brune von seinem Leben spricht. Dem Leben, bevor er  das Angebot der Produktionsschule in Anspruch genommen hat. Das vor drei Jahren initiierte Programm fällt dem Rotstift der schwarz-gelben Landesregierung zum Opfer und lässt  Menschen wie Marcel Brune allein. Das Förderprogramm Produktionsschule. NRW war 2015 für Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 19 und 25 Jahren ausgeschrieben worden. „Überwiegend handelt es sich dabei um junge Männer“, sagt Jennifer Schmidt, Geschäftsführerin des Maßnahmenträgers Ravensberger Jugendbildungshaus (RaJubi). Junge Männer, die aus unterschiedlichen Gründen den Sprung auf den Arbeitsmarkt verpasst haben. Schulabbruch, häusliche und persönliche Schwierigkeiten, Schulden oder Drogen türmen sich für sie zu einem unüberwindlichen Hindernis auf dem Weg in ein geregeltes Leben auf.

 

Erfahrung der Selbstwirksamkeit

 

Im Rahmen der Maßnahme wurden diese jungen Menschen nicht nur mit verschiedenen handwerklichen Fähigkeiten vertraut gemacht, sie lernten vor allem eine Lern- und Arbeitshaltung zu entwickeln, die sie erst zur Durchführung weiterer Schritte im Rahmen der Berufsbildungsförderung oder zur Aufnahme einer Ausbildung oder sozialversicherungspflichtigen Tätigkeit ertüchtigte. Zusammen mit ihren Anleitern führten sie dabei reale Aufträge aus. „Wir haben zum Beispiel eine Treppe verfliest und verfugt, Pflasterarbeiten durchgeführt, einen Sichtschutz für Mülltonnen gebaut oder Vogelkästen produziert“, nennt Marcel Brune nur einige Beispiele. „Die Teilnehmer erfahren so Wertschätzung, etwas geschafft zu haben. Sie können selbst gestalten und fühlen sich angenommen“, sagt Jennifer Schmidt. Dieses Erleben der Selbstwirksamkeit ist für viele schließlich der entscheidende Antrieb, um dem Teufelskreis aus persönlichen Defiziten,Versagen und Kritik zu entfliehen. Über 100 junge Menschen haben seit 2015 die Produktionsschule des RaJubi besucht. Die Einschätzung von NRW-Arbeitsminister Karl-Josef Laumann, das Projekt sei gescheitert, kann Jennifer Schmidt nicht teilen. „Über 80 Prozent unserer Teilnehmer konnten anschließend in andere Fördermaßnahmen wechseln, haben eine Ausbildung, einen sozialversicherungspflichtigen Job oder einen Mini- Job  aufgenommen“, sagt sie und fügt hinzu: „Alle Beteiligten, die Maßnahmeträger, die Jobcenter, die Arbeitsämter sowie die Jugendämter sehen den Bedarf. Doch es gibt kein Geld aus Düsseldorf.“ Das hat auch Konsequenzen für die Beschäftigten. „Eine Stelle wurde gestrichen. Andere Mitarbeiter mussten ihre Stundenreduzieren“, sagt Jennifer Schmidt. Das stattdessen aufgelegte Projekt »Werkstattjahr« richtet sich nur an die 15- bis 19-Jährigen. „Alle wissen, das geht am Bedarf vorbei“, sagt Jennifer Schmidt. Denn den haben vorallem die Über-19-Jährigen. Doch die fallen raus. Im RaJubi sind davon ab September 30 junge Menschen betroffen. „Hier haben sie gelernt, mit praktischer Arbeit, Kopf und Körper miteinander zu verbinden“, sagt Anleiter Frank Flethe. Brune, der seit März an der Maßnahme teilnimmt, hat jedenfalls davon profitiert. „Ich habe demnächst ein Vorstellungsgespräch bei einem Garten-und Landschaftsbauunternehmen. Der Chef hat mich bei einem der Aufträge arbeiten gesehen und gesagt, ich könne mich bei ihm vorstellen“, erzählt er. So kann der 22-Jährige demnächst eine neue Seite seines Lebensbuches aufschlagen.

 

Foto: Bald am Job: Marcel Brune (links) hofft auf eine Anstellung. Darauf haben ihn Anleiter Frank Flethe und Geschäftsführerin Jennifer Schmidt vom Ravensberger Jugendbildungshaus vorbereitet.